GĂ€ste eines Burschenschafter-Fests in Leoben stiegen am 20. Juni in sein Taxi, sollen Nazi-Parolen von sich gegeben und âSieg Heilâ gerufen haben. Als ihnen der Taxifahrer deswegen die Mitfahrt verwehrte, wurde er von mehreren Personen gewĂŒrgt, geschlagen und getreten. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts auf WiederbetĂ€tigung und schwere Körperverletzung.
Unter den VerdĂ€chtigen sind langjĂ€hrige fĂŒhrende Kader der vom Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuften âIdentitĂ€ren Bewegung Ăsterreichâ (IBĂ). Das berichteten am Wochenende zunĂ€chst APA und âStandardâ.
Neben dem deutschen StaatsbĂŒrger Yannick W. soll zu den VerdĂ€chtigen auch Gernot S. gehören. Beide waren zumindest bis zuletzt bei den IdentitĂ€ren aktiv, beide sind Mitglied bei der Burschenschaft Olympia â und besonders brisant: S., gegen den auch Ermittlungen wegen des Verdachts auf Verhetzung laufen, war bis vor Kurzem noch parlamentarischer Mitarbeiter des FPĂ-Abgeordneten Michael Oberlechner.
Nun will plötzlich keiner mehr mit ihnen zu tun haben: Die FPĂ teilte der APA mit, dass man sich vor wenigen Wochen von S. getrennt habe. Auf profil-Anfrage wollte Oberlechner zunĂ€chst nicht erklĂ€ren, wann genau und warum. Genau wie der FPĂ-Parlamentsklub, wo man auf den âDatenschutzâ verwies. Am Montagabend wurde jedoch eine Aussendung verfasst, in der man mitteilte, dass man das ArbeitsverhĂ€ltnis wegen der VorwĂŒrfe aus Leoben beendet habe. âDer betroffene ehemalige parlamentarische Mitarbeiter hat sich direkt bei mir beworben und war nur im AusmaĂ von wenigen Wochenstunden angestellt. Ansonsten war in die Anstellung niemand eingebundenâ, wird Oberlechner darin zitiert. Â
Die IdentitĂ€ren selbst posteten auf âXâ, dass die beiden VerdĂ€chtigen, obwohl sie bis zuletzt auf Veranstaltungen auftraten, âseit knapp einem Jahr weder aktive Mitglieder noch Sprecher unserer Bewegung mehr sindâ und man Gewalt grundsĂ€tzlich ablehne. Aber wie glaubwĂŒrdig sind FPĂ und IdentitĂ€re dabei?
Kriegs-, Kampf- und Gewaltmetaphern
âDas identitĂ€re VerhĂ€ltnis zur Gewalt ist ambivalentâ, sagt Bernhard Weidinger, Rechtsextremismusforscher am Dokumentationsarchiv des Ăsterreichischen Widerstandes (DĂW). Die Bewegung habe tatsĂ€chlich von Beginn an betont, âauf den offensiven Einsatz physischer Gewalt zu verzichten und das bislang auch weitgehend durchgehaltenâ.
Andererseits sei die identitĂ€re Rhetorik von Kriegs-, Kampf- und Gewaltmetaphern durchzogen. Man beschwöre Wehrhaftigkeit und Kampfbereitschaft und poche auf die Notwendigkeit von Kampfsporttraining und praktiziere dieses auch kollektiv. âImmer wieder rechtfertigt man Gewalttaten, wenn sie nach identitĂ€rer Ansicht die Richtigen getroffen habenâ, so Weidinger. AuĂerdem könne das Ziel der Bewegung, die âethnische Entmischungâ, ânur mit massivem Gewalteinsatzâ umgesetzt werden. In diesem Sinne sei die gesamte Gruppierung âgewaltaffinâ, wobei einzelne Personen mehr Bereitschaft zur körperlichen Konfrontation erkennen lassen als andere. Wie viele das sind, könne man nicht seriös sagen, sagt der Rechtsextremismusforscher.
Dass IdentitĂ€re immer wieder auch im Zusammenhang mit Gewaltverbrechen auftauchen, zeigt auch eine Liste, die die Plattform âStoppt die Rechtenâ veröffentlicht hat: 2020 wurden beispielsweise Personen mit IBĂ-Bezug verurteilt, die bei einem Brandanschlag mit Molotowcocktails auf eine Asylunterkunft im niederösterreichischen Himberg beteiligt waren. 2022 wurde ein IBĂ-Aktivist aus Salzburg nach einer Corona-Demonstration wegen grob fahrlĂ€ssiger Körperverletzung verurteilt. Nach einem Aufmarsch der IdentitĂ€ren im Juli 2025 in Wien wurden von Demo-Teilnehmern zwei unbeteiligte junge MĂ€nner in der UâBahn beschimpft, geprĂŒgelt und getreten.Â
Bei derselben Demo stand beim Frontbanner der IdentitĂ€ren der 24-jĂ€hrige Thomas D., der wenig spĂ€ter in den Niederlanden wegen Verdachts auf Vorbereitung eines terroristischen Anschlags, illegalen Waffen- und Munitionsbesitzes sowie der Herstellung von Waffenteilen festgenommen wurde. âEs ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass diese Auflistung (nicht einmal annĂ€hernd) vollstĂ€ndig istâ, heiĂt es auf der Plattform.
Und das VerhĂ€ltnis zur FPĂ? Das Dokumentationsarchiv verweist seit geraumer Zeit auf ideologische und auch personelle Ăberschneidungen zwischen den Blauen und der IBĂ, die Parteichef Herbert Kickl in einem Interview 2021 als âNGO von rechtsâ verharmloste.Â
Steirische FPĂ will keine Zusammenarbeit
Die angebliche Trennung von S. sei vermutlich als âNotbremseâ zu verstehen, sagt Weidinger. AussagekrĂ€ftiger sei, dass er ĂŒberhaupt eingestellt wurde, obwohl lĂ€ngst bekannt gewesen sei, dass S. âhart an der Grenze zum Neonazismusâ zu verorten sei.
Auch fĂŒr Lukas Hammer, den Rechtsextremismussprecher der GrĂŒnen, Ă€ndert es zunĂ€chst wenig, dass S. nicht mehr fĂŒr die FPĂ im Parlament arbeitet: âWir wissen, dass noch weitere identitĂ€re Kader bei der FPĂ, beziehungsweise bei deren Abgeordneten beschĂ€ftigt sind. Unter ihnen zum Beispiel eine Person, die selbst 2016 bei einem gewalttĂ€tigen Ăbergriff in Graz beteiligt gewesen sein soll.â Damals wurden Gegendemonstranten mit Teleskopschlagstöcken attackiert.
profil berichtete etwa ĂŒber den IdentitĂ€ren Andreas Hinteregger, der fĂŒr den Abgeordneten Maximilian Weinzierl arbeitet, und ĂŒber Fabian Rusnjak, der fĂŒr den Abgeordneten Sebastian Schwaighofer tĂ€tig ist. Hammer fordert von Kickl und NationalratsprĂ€sident Walter Rosenkranz die vollstĂ€ndige Offenlegung, denn im Parlament bestehe ein Sicherheitsrisiko, so seine BefĂŒrchtung
Auf profil-Anfrage beantwortete der freiheitliche Parlamentsklub keine Fragen zu den genannten Personen und ob man deren BeschĂ€ftigung nun ebenfalls ĂŒberdenken wolle.
Dass es in der FPĂ zum Umgang mit den IdentitĂ€ren nicht nur eine Meinung zu geben scheint, zeigt die steirische Landespartei: Ebenfalls 2016 wurde in Graz von IdentitĂ€ren nĂ€mlich auch die Parteizentrale der GrĂŒnen mit âKunstblutâ beschĂŒttet. Landesparteiobmann Mario Kunasek nahm das zum Anlass, einen Beschluss zu fassen, wonach Aktivisten von anderen politischen Gruppierungen keine Funktion in der FPĂ ausĂŒben dĂŒrfen. Der gelte heute noch, betont man. Und ĂŒberhaupt seien âĂbergriffe dieser Art sowie politischer oder religiöser Extremismus auf das SchĂ€rfste zu verurteilenâ. Der Landeshauptmann fĂŒhrt aber auch eine Koalition mit der ĂVP an â und befindet sich nicht wie Herbert Kickl in Frontalopposition.