Ein Schuss traf Ahmed (Name von der Redaktion geĂ€ndert, Anm.) in den Oberschenkel. Drei gingen daneben. Sein Vergehen: illegaler GrenzĂŒbertritt und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Letzteres gaben die zustĂ€ndigen bulgarischen Grenzbeamten spĂ€ter jedenfalls zu Protokoll. Ahmed war damals 15. Er soll nach einem illegalen GrenzĂŒbertritt irgendwo in den dicht bewachsenen WĂ€ldern an der bulgarisch-tĂŒrkischen Grenze im Juni 2024 aufgegriffen worden sein und einen Beamten mit einem Stein attackiert haben. Ahmed wurde angeschossen und in der Folge in ein Spital gebracht.
Die TĂŒrkei und Bulgarien liegen auf der FlĂŒchtlingsroute in die EU; beide LĂ€nder trennt heute ein 230 Kilometer langer, mit Stacheldraht und Kameras gesicherter Grenzzaun. Karl Nehammer flog 2023 als Bundeskanzler in einem Hubschrauber mit dem gerade erst zurĂŒckgetretenen bulgarischen PrĂ€sidenten Rumen Radev ĂŒber diesen Grenzzaun. Ăsterreich knĂŒpfte seine Zustimmung zum Schengen-Beitritt von Bulgarien und RumĂ€nien damals an eine bessere Sicherung der EU-AuĂengrenze. Heute ist Bulgarien Teil des grenzfreien Schengen-Raums â und die Grenze zur TĂŒrkei wird notfalls mit roher Gewalt bewacht.
Im Juni dieses Jahres tritt in Bulgarien der EU-Migrationspakt in Kraft, der die Handschrift des österreichischen EU-Migrationskommissars Magnus Brunner (ĂVP) trĂ€gt: verpflichtende Schnell-Screenings direkt an der EU-AuĂengrenze, mehr RĂŒckfĂŒhrungen in Drittstaaten oder in die EU-GrenzlĂ€nder sowie eine bessere Verteilung von Asylwerbern. Bulgarien ist damit nicht nur Transitland, sondern Ankunftsland. Darauf ist hier niemand vorbereitet. Der Gesetzesentwurf ist in Begutachtung und wird von zivilgesellschaftlichen Organisationen zerpflĂŒckt. Hauptkritik sind fehlende Infrastruktur und fehlendes Personal fĂŒr die Erstaufnahme, rechtlich heikle Schnellverfahren und die Gefahr zunehmender Gewalt â zumal bulgarische Grenzbeamte schon jetzt alles andere als zimperlich mit Schutzsuchenden umgehen.
Den Fall des angeschossenen minderjĂ€hrigen FlĂŒchtlings dokumentierte die NGO âMission FlĂŒgelâ. âDer Junge hat sich damals an uns gewandt, er wollte eigentlich eine Anzeige gegen die bulgarische Grenzpolizei einbringenâ, erzĂ€hlt Diana Dimova, GeschĂ€ftsfĂŒhrerin von âMission FlĂŒgelâ. âEr wurde in einem Krankenhaus versorgt. So konnten wir den Vorfall ĂŒberhaupt dokumentieren und aktenkundig machen.â Zur Anzeige kam es nie; der Jugendliche und sein Vater zögerten dann doch, gegen die Staatsgewalt vorzugehen.
VorfĂ€lle wie dieser werden selten dokumentiert, aber es gibt sie â und manchmal enden sie tödlich. Am 27. Dezember 2024 erfroren drei Ă€gyptische Jugendliche (15 bis 17) in den WĂ€ldern des sĂŒdöstlichen Strandscha-Gebirges. Internationale NGOs hatten Handyvideos mit den GPS-Daten der jungen Burschen zugeschickt bekommen und an die bulgarischen Behörden weitergeleitet. Die Burschen wurden nicht rechtzeitig gerettet und starben. âEs gibt keine Zahlen dazu, wie viele Menschen an der EU-Grenze sterben und wodurch. Aber es kommt vor, dass junge MĂ€nner aus Nordafrika oder aus Afghanistan in den Leichenhallen nahe der Grenze landenâ, erzĂ€hlt Dimova. GeflĂŒchtete berichten zudem von Gewalt und illegalen Pushbacks in die TĂŒrkei, oft nach demselben Muster: SchlĂ€ge, erniedrigendes Ausziehen, Abnahme von Handys und WertgegenstĂ€nden, ZurĂŒckschicken auf die andere Seite des Grenzzauns. Auch Schlepper agieren brutal, lassen Erschöpfte oder Kranke ohne Orientierung zurĂŒck oder werden gewalttĂ€tig.
Zu hart fĂŒr Frontex
Das Vorgehen der bulgarischen Grenzpolizisten ist sogar der EU-Grenzschutzagentur Frontex zu heftig, die selbst wegen fragwĂŒrdiger Vorkommnisse an AuĂengrenzen in der Kritik steht. Ăber die erfrorenen Kinder schreibt Frontex in einem vor kurzem veröffentlichten Bericht: âDie bulgarischen Behörden waren verpflichtet, den Migranten zu helfen und sie zu retten; sie verfĂŒgten ĂŒber ausreichende Informationen, die auf eine lebensbedrohliche Situation hindeuteten, kannten den Aufenthaltsort der Migranten und haben â obwohl sie die KapazitĂ€ten gehabt hĂ€tten zu handeln â keine MaĂnahmen ergriffen, was zum Verlust von Menschenleben gefĂŒhrt hat.â
Um die 500 Frontex-Mitarbeiter aus allen EU-LĂ€ndern sind regelmĂ€Ăig in Bulgarien stationiert â zur UnterstĂŒtzung der Grenzsicherung. In einem Bericht ĂŒber sogenannte âSerious Incident Reportsâ von Frontex berichten Mitarbeiter, sie seien von bulgarischen Kollegen unter Druck gesetzt worden, keine Pushbacks oder Menschenrechtsverletzungen zu melden; zugleich schildern sie ein Klima der Angst und EinschĂŒchterung, falls VorfĂ€lle mit GeflĂŒchteten angeprangert werden.
Auf EU-Ebene zĂ€hlt derzeit aber die Zahl jener, die nicht ins Land gelangen. Die GrenzĂŒbertritte nach Bulgarien haben sich im vergangenen Jahr mehr als halbiert. Brutales Vorgehen und massenweise RĂŒckfĂŒhrungen sprechen sich bei Schleppern herum, Routen Ă€ndern sich. Das bulgarische Innenministerium veröffentlicht monatliche Daten ĂŒber registrierte GrenzĂŒbertritte, Unterbringung in Aufnahmezentren und âfreiwillige RĂŒckkehren in benachbarte LĂ€nderâ. Im Dezember waren es 13.568, wĂ€hrend registrierte Aufgriffe im Land oder an der Grenze nur ein Zehntel davon ausmachen.
âWir sind in der schizophrenen Situation, einerseits die AuĂengrenze so gut zu schĂŒtzen, dass niemand mehr hereinkommt. Andererseits die Wahrung der Menschenrechte sicherzustellenâ, erklĂ€rt die AnwĂ€ltin Diana Radoslavova vom âCenter for Legal Aidâ in Sofia. âBeides geht sich nicht aus, ich sehe das jeden Tag.â Ihre Organisation ist eine von drei zivilgesellschaftlichen Organisationen, die behördlich autorisiert sind, Rechtsvertretung fĂŒr FlĂŒchtlinge durchzufĂŒhren. Radoslavova hĂ€lt âfreiwillige RĂŒckkehrenâ oft fĂŒr Pushbacks: âIch kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass ein Mensch, der Tausende Kilometer hinter sich hat, am Grenzzaun steht und sich denkt: Da gehe ich jetzt lieber wieder zurĂŒck.âÂ
Anfragen zum Vorgehen der Grenzpolizei und Pushbacks blieben seitens der zustĂ€ndigen Migrationsbehörde bis Redaktionsschluss unbeantwortet. âIch habe das GefĂŒhl, alle verschlieĂen noch die Augen davor, was ab dem Sommer an den AuĂengrenzen passieren wird. Ich glaube jedenfalls, der Umgang wird noch brutaler, weil hier niemand will, dass das Land zum Auffanglager fĂŒr GeflĂŒchtete wird.â