âWir haben in dieser Regierung einen Kurswechsel vollzogen und gehen konsequent gegen Spionage vorâ, sagte AuĂenministerin Beate Meinl-Reisinger im Mai. Und weiter: âEs ist inakzeptabel, dass diplomatische ImmunitĂ€t genutzt wird, um Spionage zu betreiben.â Vier Personen wurden vom AuĂenministerium seither des Landes verwiesen.Â
So entschlossen, wie es dargestellt wurde, war dieser Schritt damals nicht. Die Direktion fĂŒr Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) hatte das AuĂenministerium bereits Monate zuvor ĂŒber Namen und Verdachtslage informiert, wiederholt auf die Dringlichkeit hingewiesen. Es ging damals um eine Satellitenanlage in der âRussen-Cityâ im 22. Bezirk, die recht offensichtlich fĂŒr Spionage verwendet wurde. Wenn das Personal das Land verlassen muss, wĂ€re auch die Anlage nicht mehr zu betreiben, so die Idee der DSN. Dennoch hat es lange gedauert, bis das AuĂenministerium diese Personen schlieĂlich wirklich auswies.Â
Eigentlich kam erst Bewegung in die Sache, als die Staatsanwaltschaft aktiv wurde â der Druck auf das AuĂenministerium war damit hoch. Zu hoch, um zuzuschauen. Aber immerhin: Ein erster Schritt war gemacht.Â
EnttÀuschenderweise folgt schon wieder kein zweiter.
Die Namen der ausgewiesenen Russen waren damals nur ein Teil einer ganzen Liste von Personen, die Ăsterreichs Dienste als russische Spione wertet. Darauf finden sich auch etwa jene 21 in Ăsterreich akkreditierten russischen Diplomaten, vor denen das Verteidigungsministerium vergangene Woche seine eigenen Leute warnte. An Tausende Angehörige des Bundesheers â darunter auch Milizsoldaten â ging ein Rundmail mit Fotos und Namen dieser Personen. Die EmpfĂ€nger wurden aufgefordert, sich beim Abwehramt zu melden, sollten diese Diplomaten Kontakt gesucht, Fragen gestellt oder versucht haben, an Informationen zu gelangen â oder im schlimmsten Fall gar jemanden anzuwerben.
Alte Bekannte
Diese Personen waren nicht nur Ăsterreichs Behörden bekannt - âAgentstvoâ, ein unabhĂ€ngiges, russisches Exilmedium, veröffentlichte sie obendrein vor etwa einer Woche auf ihrer Plattform. Das Verteidigungsministerium hatte damit leichtes Spiel, einen Schneeballeffekt zu produzieren: Man verbreitete noch einmal, was ohnehin schon in der Ăffentlichkeit war, ohne den mĂŒhsamen, diplomatischen Weg ĂŒber das AuĂenministerium gehen zu mĂŒssen, um etwas zu bewirken. Vielleicht hatte man beim Versenden der Mail im Hinterkopf, dass sich unter den Milizsoldaten auch Journalisten befinden â vielleicht hoffte man insgeheim auf eine weitere Veröffentlichung.
Der Plan funktionierte: Die Medien sprangen auf, man richtete damit den Scheinwerfer auf Personen, die darauf angewiesen sind, möglichst unbeobachtet zu arbeiten. Wer mit Foto und Namen durch österreichische Redaktionen und Kasernen zirkuliert, hat es bei der diskreten Kontaktanbahnung eher schwer â gleichzeitig werden Soldatinnen und Soldaten sowie Ăffentlichkeit sensibilisiert. Nach profil-Informationen sind beim Abwehramt auch schon etliche Meldungen eingelangt, die nun ĂŒberprĂŒft werden mĂŒssen.Â
Aber eine zentrale Frage bleibt: Wenn diese Personen angeblich so gefĂ€hrlich sind, dass das Verteidigungsministerium sogar alle seine Soldaten per Rundmail warnt â warum schmeiĂt das AuĂenministerium diese Personen nicht sofort aus dem Land?
Auf profil-Anfrage heiĂt es seitens des AuĂenministeriums, dass man erstmals aus den Medien von den angeblichen russischen Spionen erfahren habe, dass dem Ministerium keine derartige Liste vorgelegt wurde. Weiters habe man keine Kenntnis zu strafrechtlich relevanten VorgĂ€ngen, heiĂt es in der Stellungnahme. Und: âSollten dem BMEIA seitens der Sicherheits-, Ermittlungs- oder Justizbehörden Nachweise fĂŒr strafrechtlich relevante AktivitĂ€ten von in Wien akkreditierten Diplomaten vorgelegt werden, wird das BMEIA die notwendigen Schritte setzen.â
Das groĂe Zaudern
Das ist eine interessante Haltung, die in Westeuropa auch ziemlich einzigartig ist: In GroĂbritannien wird rigoros gegen Personen und Netzwerke vorgegangen, die russischer Spionage zugerechnet werden. Wie ernst man es dort nimmt, zeigte zuletzt auch der Prozess gegen eine bulgarische Spionagezelle, die im Umfeld von Jan Marsalek tĂ€tig gewesen sein soll. Ăsterreich: Der wegen Spionage in erster Instanz verurteilte Egisto Ott ist nicht in U-Haft â ebenso wenig jene bulgarische Spionin, die mich fĂŒr Russland verfolgte und das sogar zugegeben hat. Gegen sie liegt noch immer kein Strafantrag vor.
In Frankreich oder Italien wird in VerdachtsfĂ€llen ebenfalls kurzer Prozess gemacht â von den ehemaligen Ostblock-LĂ€ndern ganz zu schweigen, die hypersensibilisiert sind. Schauen wir nach Deutschland: Russische diplomatische PrĂ€senz wurde massiv reduziert, Konsulate geschlossen. Ăsterreich? Hat noch immer die wohl gröĂte russische Botschaft Europas â nicht einmal das Konsulat in Salzburg wurde geschlossen. Obwohl hinlĂ€nglich bekannt ist, dass Konsulate niederschwellige Einfallstore fĂŒr SpionageaktivitĂ€ten sind.Â
Hierzulande tut man dann so, als ob ein letztgĂŒltiger strafrechtlich relevanter Beweis notwendig wĂ€re, um handeln zu können â am besten ein Fax von Wien nach Moskau oder so etwas. Nur: Es ist nicht nur weltfremd zu glauben, so etwas zu bekommen â sondern auch schlicht eine faule Ausrede: Es bleibt bei gut klingenden Lippenbekenntnissen der Regierung, wollte man wirklich etwas Ă€ndern, wĂŒrde die Vorgehensweise eine andere sein.Â
Russia loves you
Man muss sich fragen: Warum fehlt der Schneid? FĂŒrchtet man sich? Redet man sich ein, dass einem das Zaudern eines Tages doch zugute kommt, der Wind sich noch dreht? Findet man es womöglich doch nicht schlimm, dass Ăsterreich fĂŒr Russland noch immer ein wichtiger Boden ist? Nicht umsonst ist der langjĂ€hrige russische Botschafter nun stellvertretender russischer AuĂenminister â und auch der neue Botschafter ist nicht irgendwer. Nicht umsonst trafen hier Anfang Juli frĂŒhere russische FunktionĂ€re mit hochrangigen ehemaligen Diplomaten und Sicherheitsbeamten aus UK, Frankreich und Deutschland zusammen, um bilateral ĂŒber mögliche FriedensplĂ€ne fĂŒr die Ukraine zu sprechen.Â
Die Ukraine war ĂŒbrigens nicht vertreten. Ăsterreich aber auch nicht â so ernst werden wir genommen.
Es ist ein weiterer Beleg, dass unser Grund und Boden fĂŒr AktivitĂ€ten genutzt wird, die auĂerhalb unseres Einflusses liegen. Das kann toleriert werden, solange fĂŒr die BĂŒrger dieses Landes keine Gefahr besteht. Putin aber hat Ăsterreich in seinem hybriden Krieg schon mehrfach angegriffen â mittels Hackerattacken, Spionage und Desinformation.Â
Die Bundesregierung hat den Auftrag, ihre BĂŒrger bestmöglich zu schĂŒtzen.Â
Gelinde gesagt, zweifle zumindest ich daran, dass sie das auch mit allen Mitteln tut.