Im Vorjahr hatte das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DĂW) einen Rechtsstreit mit der FPĂ â es ging um die Wissenschaftlichkeit des DĂWs. Das Dokumentationsarchiv gewann die Auseinandersetzung.Â
Nun wollen die Rechtsextremen selbst wissenschaftlich sein.
Im FrĂŒhling wurde das âInstitute for Remigrationâ gegrĂŒndet. Im Impressum der Website findet sich der Kopf der IdentitĂ€ren Bewegung, Martin Sellner, als Medieninhaber.Â
Mit dem Thinktank sollen die Ideen der Rechtsextremen institutionalisiert werden, man erhofft sich Aufmerksamkeit auch auĂerhalb des deutschsprachigen Raums. Auch deshalb fand im Juni zum zweiten Mal der sogenannte âRemigration Summitâ in Portugal statt. Mein Kollege AuĂenpolitik-Chef Robert Treichler berichtete.
Ebenfalls in Portugal war der Ex-Chef der Wiener IdentitĂ€ren, Philipp Huemer, der auch fĂŒr den Verschwörungssender âAUF1â arbeitete. In der Vorwoche wurde er zum GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Instituts ernannt.
Das durfte er auch auf dem FPĂ-Radiosender âAustria Firstâ verkĂŒnden. Sie merken: Die Grenzen zwischen FPĂ und IdentitĂ€ren sind de facto nicht mehr vorhanden.Â
Unter Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer hat sich die FPĂ noch von den IdentitĂ€ren und Martin Sellner distanziert. Nun hat die FPĂ-Abgeordnete Susanne FĂŒrst sogar die Petition des Remigration-Instituts unterzeichnet - profil berichtete.Â
Wien bis Washington
Innenminister Gerhard Karner (ĂVP) kritisierte dies am Montag scharf: âRemigrationâ sei ein Kampfbegriff der Neuen Rechten und der IdentitĂ€ren Bewegung. Meine Kolleg:innen SiobhĂĄn Geets und Robert Treichler widmen sich in der dieswöchigen Ausgabe unseres EUâPodcasts âSchlacht um Europaâ ebenfalls dem Begriff der Remigration - ich möchte Ihnen in diesem Newsletter die gemeinsame Strategie von FPĂ und IdentitĂ€ren aufzeigen.Â
âDas, was IdentitĂ€re in Ăsterreich machen, da spielt die AfD ohnehin schon eine groĂe Rolle, auch teilweise in fördernder Funktionâ, so Politologe Bernhard Weidinger vom DĂW. Die Vernetzung zeige ein Hausprojekt in Steyregg, dort gebe es immer wieder Spenden von AfDlern. âInzwischen freut man sich aber auch darĂŒber, dass Trump von Remigration spricht und hat begrĂŒndete Hoffnung, Gelder aus den USA zu lukrieren.â
Mit der GrĂŒndung des Instituts wĂŒrde nun Sellner seinen Aktivismus auf professionellere Beine stellen. Einerseits suggeriert die Datenvisualisierung Wissenschaftlichkeit und gleichzeitig werde offen Lobbyâ und Kampagnenarbeit betrieben. âEs ist eine Lobbyeinrichtung, die versucht sich zusĂ€tzliche Credibility ĂŒber diesen Nimbus der Wissenschaftlichkeit zu erwerbenâ, so Weidinger.
Auch die Politologin Gabriela Greilinger sieht in der InstitutsgrĂŒndung eine weitere Normalisierung und Institutionalisierung rechtsextremer Ideen. So soll politischer Konsens geschaffen werden.Â
âNeu ist, dass sich die FPĂ nun derart offen zu rechtsextremen Ideen bekennt und die Trennung zwischen rechtsextremem Aktivismus und FPĂ-Politik immer mehr verschwimmtâ, sagt Greilinger. Es handle sich bei der rechtsextremen Interpretation des Begriffs um einen menschenrechtsfeindlichen Politikinhalt, der mit einer liberalen Demokratie nicht vereinbar ist, so die Politologin von der University of Georgia.
Zweiter Anlauf
Zur Finanzierung des âInstitute for Remigrationâ ist aktuell nichts bekannt. Wer auf der Website des Instituts spenden möchte, kommt direkt zu einem Konto, das Sellner zugeordnet wird. Aktuell wollen die Akteure mit einer Petition ihre Ideen in BrĂŒssel an die EU-Kommission richten: Nur werden Sie ĂŒber den selben Strick, wie das MCC BrĂŒssel stolpern?
Der BrĂŒsseler Ableger des ungarischen Thinktanks Mathias Corvinus Collegium (MCC) wurde am Montag aus dem EU-Lobby-Register geschmissen. Der in Ungarn angesiedelte, OrbĂĄn-nahe Thinktank wollte âden Kampf nach BrĂŒssel tragenâ - wegen fehlender Transparenz ĂŒber BudgetgröĂe und Finanzierungsquellen darf er aber keine Meetings mehr in den EU-Institutionen abhalten. Die NGO âCorporate Europe Observatoryâ hatte sich ĂŒber die Intransparenz beschwert. Formal wird es nun fĂŒr den OrbĂĄnâThinktank schwieriger, sich in EU-Prozesse einzubringen. Auch in Ungarn wurde die TĂ€tigkeit des Instituts unter dem neuen MinisterprĂ€sidenten PĂ©ter Magyar eingeschrĂ€nkt.
Europas Rechtsextreme unter Huemer und Sellner versuchen nun nur im zweiten Anlauf den Eindruck der Wissenschaftlichkeit zu erwecken. Ideologie-getriebene Pseudotheorien sollen statistikgestĂŒtzt den Eindruck von Wahrheit vermitteln. Fallen Sie bitte nicht darauf rein.