Können Sie sich noch erinnern, als wir monatelang auch vor Gericht darĂŒber diskutiert haben, ob ein gewisser Ex-Kanzler Sebastian Kurz in die Bestellung von Thomas Schmid zum Ăbag-Chef involviert war? Oder nur informiert? Ob ein Ja, ein Ja war? Wissen Sie noch: Vor ein paar Wochen wurde der ĂVP-Klubobmann August Wöginger wegen Postenschieberei erstinstanzlich verurteilt â und trat darum von seiner Funktion zurĂŒck.Â
Und können Sie sich dann erklĂ€ren, warum ein ĂVP-Bundeskanzler Christian Stocker völlig ungeniert einen ORF-Generaldirektoren-Kandidaten nach dem anderen zu sich einlĂ€dt, um auszuloten, wer ihm denn am ehesten zu Gesicht steht und darum den Posten bekommen soll?
Der APA-Chef Clemens Pig wurde vorgeladen. Krone-Hit-Chef Philipp König. ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer â und Johannes Larcher, der sich auch auf den Job bewerben wird. Sie wissen nicht, wer das ist? Wusste ich bis vor wenigen Tagen auch nicht. Schade eigentlich, denn der Mann ist ziemlich genial, hat eine super internationale Karriere im Fernsehbusiness hingelegt, reĂŒssierte in den USA, war in der FĂŒhrungsriege des Streamingriesens HBO. Und will jetzt wieder zurĂŒck in seine Heimat.
Nur: Schaut nicht so aus, als ob er (obwohl ich persönlich finde, bisher der spannendste Kandidat) echte Chancen hĂ€tte. Der Kanzler soll seine Wahl nĂ€mlich lĂ€ngst getroffen haben. Und die fiel auf Clemens Pig. Ex-ProSiebenSat1-Vorstand Markus Breitenecker wurde meines Wissens nach gar nicht eingeladen, was er gemein finden soll, wie ich höre â und ich auch. (Komm auf einen Kaffee zu mir, Markus!)
Schleimspuren auf Tirols Bergen
Nichts gegen Pig. Ich mag den Mann, er ist ein lieber, anstĂ€ndiger Kollege â aber wie das vonstattengeht, ist schlicht absurd und wird tĂ€glich absurder: Pig ist Tiroler, und genieĂt die UnterstĂŒtzung von Landeshauptmann Anton Mattle (ĂVP). Der sprach gestern auf einer âSondereditionâ des Mediengipfels in Seefeld: ĂŒber die Medien und nötige Reformen und WeiĂ-der-Kuckuck was.Â
Dass die Medientage gerade jetzt stattfinden, ist auĂergewöhnlich. Normalerweise steigen sie im Herbst. Alle in der Branche munkeln bösartig: Der vorgezogene âSonderterminâ sei die inoffizielle Krönung von Pig, die der Landeshauptmann selbst vornehmen will. Pig hielt ĂŒbrigens nach Mattle die zweite Keynote-Speech. Am Programm stand, es ginge um 80-Jahre APA. Niemand sonst dort bekam aber allein so viel BĂŒhne.
Die halbe Medienlandschaft ist dort. Die einen, um eine prĂ€ventive Schleimspur zu ziehen â immerhin werden bald weitere wichtige Jobs im ORF vergeben. Die anderen, um sich das Spektakel anzusehen. Ich bin ĂŒbrigens in Wien geblieben, ich hoffe auf die besten Fotos und Anekdoten per WhatsApp.
Subtil ist da gar nichts mehr
ZurĂŒck zum Kanzler und zur geplanten Inthronisierung. Erstens sieht man an dem Vorgehen wieder einmal, dass die ĂVP ĂŒberhaupt keinen Genierer mehr hat. Zweitens aber auch, dass die Partei ihr Handwerk verlernt hat. Zynisch gesagt: Wie um Himmels Willen kann man so etwas den Chef persönlich machen lassen, der sich damit so angreifbar macht?Â
An sich wĂ€re das eine klassische Aufgabe fĂŒr den GeneralsekretĂ€r Nico Marchetti â aber der hat sich in der Causa bisher wenig ausgezeichnet. Er hat die Ăffentlichkeit recht eindeutig wissen lassen, dass er Pig bevorzugt. Und soll den anderen Kandidaten auch in persönlichen GesprĂ€chen mehr oder weniger ausgerichtet haben, dass man sich eher nicht bewerben brauche.Â
Der SPĂ-Stiftungsratsvorsitzende Heinz Lederer tut ĂŒbrigens Selbiges â wie man hört, tingelt der von Kandidatentermin zu Kandidatentermin und stellt Bedingungen fĂŒr seine Zustimmung, deponiert PersonalwĂŒnsche und so weiter. Freilich passieren alle diese Dinge auĂerhalb von offiziellen Hearings â sowas könnte man auch nicht laut sagen. Da eignen sich ruhige Nischen in ĂŒberteuerten Innenstadtlokalen doch viel besser.Â
Vielleicht ist das in diesem Staat alles normal. Vielleicht bin ich naiv. Aber ich kann mich eines Gedankens nicht verwehren: âBitte gehtâs noch?â
Warum wĂŒnscht sich die Politik nicht so viele gute Kandidaten wie möglich â oder tut wenigstens so? Warum ermutigen sie nicht, sich einem Hearing zu stellen â und warum forciert man das Gegenteil? Davon abgesehen, dass die Politik Kandidaten (ich spare mir das Gendern, Frauen werden nicht ernsthaft in Betracht gezogen, auch wenn verlogenerweise in der Ausschreibung steht, dass Bewerbungen von Frauen besonders erwĂŒnscht sind) meiner Meinung nach sowieso gar nicht zu treffen hat â denn offiziell bestimmt noch immer der Stiftungsrat.Â
Da sind wir wieder beim nĂ€chsten Konstruktionsfehler: Der wird nĂ€mlich auch von den Parteien beschickt, die dort sogenannte Freundeskreise bilden, die dann brav nach Klubzwang den Generaldirektor wĂ€hlen, der dann wiederum brav PersonalwĂŒnsche umsetzt, die vorher im Off ausgemacht worden sind. So war das zumindest bisher.Â
Feindliche Stimmung im Freundeskreis
Jetzt wird es lustig: Wie profil aus Sitzungen der ĂVP- und SPĂ-Freundeskreise hört, scheint doch einigen StiftungsrĂ€ten das Verhalten des Vorsitzenden Heinz Lederer (SPĂ) und seines Stellvertreters Gregor SchĂŒtze (ĂVP) zu bunt zu werden. Beide sind intensiv in den Abgang von Roland WeiĂmann involviert und sind massiv in die Kritik geraten. Das wurde nicht besser, als man entdeckte, dass die beiden PR-Berater neben ihrem Job als Aufsichtsorgan im ORF auch ihren Brotjob auffĂ€llig intensiv ins Spiel brachten, was ihren Agenturen doch gelinde gesagt einige Vorteile beschert haben könnte. Es geht um AuftrĂ€ge und Vergaben.
Am Ende hat ihnen die gesamte Redaktion ĂŒber die gewĂ€hlten RedakteursrĂ€te das Misstrauen ausgesprochen. Ich wĂŒrde mich ja vor lauter Peinlichkeit vom KĂŒniglberg verrollen, das muss man mal schaffen â aber nicht so die beiden MĂ€nner. Sie können nicht gehen, sie mĂŒssen noch etwas fĂŒr ihre Parteien erledigen, die ihnen trotz aller Kritik brav die Stange halten: Die FĂŒhrungsposten im ORF mĂŒssen noch wie geplant vergeben werden.Â
Der Widerstand unter den 35 StiftungsrĂ€ten, Teil dieses unwĂŒrdigen Schauspiels auf offener BĂŒhne zu sein, wĂ€chst. Offenbar haben doch einige etwas dagegen, Hearings zu inszenieren, um dann ohnehin zu tun, was der ĂVP-Kanzler vorher mit seinem SPĂ-Vize beschlossen hat. NĂ€mlich, Pig zu krönen (und gewisse andere Jobs an SPĂ-Favoriten zu verteilen). Im Stiftungsrat wollen sich offenbar nicht alle als willfĂ€hrige ParteigĂ€nger hinstellen lassen â und dann vielleicht in kritischen Medien wie profil vorkommen.
 Immerhin ist Stiftungsrat zu sein fast ein Ehrenamt. Immerhin hat man auĂerhalb des KĂŒnigl-Zauberbergs einen Ruf zu verteidigen. Also weisen sie die Vorsitzenden höflich darauf hin, dass die Wahlen ja geheim seien â Ă la: âIhr sagt mir nicht, was ich zu tun habeâ. AuĂerdem hat der ein oder andere auch eingeworfen, dass Wahlen spĂ€ter angefochten werden können, wenn sie offenbar von Beginn an so geschoben sind. Das sei dieses Mal auch sehr wahrscheinlich.
Hohes Klagsrisiko
Stimmt. Protest kann nĂ€mlich nicht nur von unterlegenen Kandidaten eingelegt werden, mit denen man ja vielleicht noch irgendein Agreement finden könnte. Es schaut so aus: Die EU hat den âDigital Media Actâ verabschiedet. Dort sind gewisse Transparenzrichtlinien festgelegt, damit die UnabhĂ€ngigkeit von öffentlich-rechtlichen Sendern gewĂ€hrleistet ist. Das musste in nationales Recht ĂŒbersetzt werden. Und dort ist nun geregelt, dass ORF-Generaldirektoren-Wahlen a) transparent, b) nachvollziehbar und c) unabhĂ€ngig sein mĂŒssen.Â
Tja. Das wird also nichts mit geheimer Wahl. Mit der Nachvollziehbarkeit könnte es schwierig werden, wenn Kandidaten wie Larcher, Totzauer oder Breitenecker jahrelange Erfahrung mit TV und Radio mitbringen, Pig aber nicht. (Netterweise hat man in der Ausschreibung eine derartige Erfahrung gar nicht verlangt, sondern nur eine âDigitalstrategieâ und âErfahrung in der digitalen Transformationâ) Und: Wie unabhĂ€ngig können Wahlen sein, wenn es Parteifreundeskreise gibt, und somit einen gewissen Zwang?
Das alles könnte anfechtbar sein, indem man die Kontrollbehörde des ORF, die KommAustria, spĂ€ter beauftragt zu prĂŒfen, ob bei dieser Wahl gegen ORF-Gesetz verstoĂen wurde. Das kann zum Beispiel auch ein Bundesland anregen â und wie soll ich sagen: Da gibt es etwa einen burgenlĂ€ndischen SPĂ-Landeshauptmann Hans-Peter Doskozil, bei dem der ehemalige Vize-Chef der KommAustria, Florian Philapitsch, den Verfassungsdienst leitet, ein nerdiger Jurist mit groĂem Fachwissen, der schon einmal eine vom Burgenland eingebrachte Verfassungsklage gegen die politische Besetzung des ORF-Stiftungsrates beim Verfassungsgerichtshof eingebracht und gewonnen hat.
Man sagt ĂŒbrigens, dass Philapitsch bei der KommAustria nicht wiederbestellt wurde, weil er das mit den ORF-Gesetzen ernst nahm. Zu ernst fĂŒr manche. Gerade richtig fĂŒr den Geschmack Doskozils, der ohnehin keinen Konflikt mit der eigenen Partei rund um den ORF scheut.
Manchmal muss man loslassen
Wenn ich Christian Stocker wĂ€re, wĂŒrde ich mir ĂŒberlegen, ob das alles dafĂŒr steht. Ob er nicht seinen Ruf damit ramponiert â und den von Pig gleich mit, der eigentlich gar nichts dafĂŒr kann und dem das alles so wie ich ihn kenne auch sicher nicht recht ist. Ob Stocker mit diesem Verhalten nicht Klischees zu seiner Partei untermauert, die zuletzt a) gerichtlich bestĂ€tigt stimmten und b) viele Stimmen gekostet haben. Oder ob man nicht doch einfach ein wenig etwas loslassen und Wettbewerb zulassen sollte.Â
Weil was man dort auch noch nicht verstanden hat: Der ORF ist in einem echt schlechten Zustand â in vielerlei Hinsicht. Vielleicht ist es die letzte Chance, etwas wirklich VernĂŒnftiges daraus zu machen. Das geht aber nur, mit mehr UnabhĂ€ngigkeit. Offenbar hat die Politik aber groĂe VerlustĂ€ngste, die sich auch durch Gerichtsurteile nur schwer therapieren lassen.