Am Sonntag fasste die SPĂ einen wichtigen Beschluss: ein Handyverbot fĂŒr SpitzenfunktionĂ€re. Es ist etwa 16 Uhr als die Landesparteichefs der SPĂ und weitere Granden der Bundespartei im Hotel Steigenberger in der Wiener Herrengasse eintreffen, um sich im ersten Stock zur Beratung zurĂŒckzuziehen. Die TĂŒren gehen zu, dann ist erstmals seit Tagen Ruhe â der Flurfunk reiĂt erst einmal ab. Die FunktionĂ€re werden aufgefordert, das Handy nicht mehr zu benutzen, und wie es ausschaut, behalten sie ihre HĂ€nde tatsĂ€chlich brav am Tisch.Â
Die brauchen sie auch zum Essen. Angeblich werden Jakobsmuscheln und Grammelknödel aufgetischt â berichtet die âKroneâ, mit entsprechend anklagendem Ton. Offenbar wird von Sozialdemokraten erwartet, sich mit Soletti zu begnĂŒgen. Davon abgesehen, dass mich das zur Erkenntnis fĂŒhrt, dass es offenbar keine Vegetarier in der ParteifĂŒhrung gibt, finde ich ja: Ein ordentliches Essen ist essenziell, wenn schwierige GesprĂ€che gefĂŒhrt und Entscheidungen getroffen werden mĂŒssen.Â
Ich fĂ€nde es Andreas Babler gegenĂŒber auch unwĂŒrdig, dass er sich neben Eibrötchen absĂ€gen lassen mĂŒsste. Denn das war das erklĂ€rte Ziel des Abends, diese Entscheidung war hinter den Kulissen bereits getroffen worden. Nur: Wer sagt es ihm wie? Gibt es eine gesichtswahrende Lösung, um ihm den gewĂŒnschten Abgang leichter zu machen?
Mehrere Landesparteien hatten sich in den vergangenen Tagen darauf verstĂ€ndigt, Babler den Chefsessel wegnehmen zu wollen. Die schlechten Umfragewerte und die beginnenden Hausbesuche im Vorfeld anstehender Landtagswahlen hatten dazu gefĂŒhrt. Die rebellierenden LĂ€nderchefs haben es auch geschafft, den wichtigen Gewerkschaftschef Wolfgang Katzian sowie den Wiener BĂŒrgermeister Michael Ludwig von der angeblich notwendigen Abmontage zu ĂŒberzeugen. Ihre Stimmen gelten mitunter als die gewichtigsten in der Partei, beide waren maĂgeblich daran beteiligt, Babler gegen Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil auf den Thron zu hieven. Also brauchte man sie auch, um ihn von dort herunterzustoĂen.
GesprÀchsmarathon
Vor dem Showdown im Steigenberger hat es dieses Wochenende schon einige hochrangige GesprĂ€chsrunden gegeben. Ludwig hatte die LĂ€nderchefs am Sonntag unmittelbar vor dem Treffen zu sich in die Parteizentrale in der LöwelstraĂe zur akkordierten Meinungsfindung geladen. Am Tag davor hatte er seine wichtigsten Wiener Politiker eingeladen â diese GesprĂ€che auf der Plattform âXâ dann so kommentiert: âDas Ergebnis ist eine gemeinsame, klare Haltung der Wiener SPĂ. Wir ziehen hier an einem Strang. Diese gemeinsam festgelegte Linie werde ich morgen beim Treffen mit den anderen Landesparteivorsitzenden vertreten. Ich gehe mit einem starken RĂŒckhalt aus Wien in die GesprĂ€che.â
Ludwig markierte also den starken Mann, so ganz eindeutig war die Sache aber nicht. Auch deswegen zog sich das auf drei Stunden angesetzte Treffen im Steigenberger bis in die Nachtstunden. Denn wie immer liegt der Hund im Detail begraben. Man hatte sich zwar darauf verstĂ€ndigt, dass Babler weg soll, nur: Wann, wie? Wer ĂŒbernimmt welchen seiner Jobs in der Zwischenzeit? Wird es ein Vizekanzler Markus Marterbauer? Bleibt Babler daneben noch bis zum nĂ€chsten Parteitag SPĂ-Chef, wie er das wĂŒnschte? Vielleicht sogar noch Minister? Soll er gleich aus allen Ămtern ausscheiden? Wenn ja, wer ĂŒbernimmt die Partei? Einer seiner neun StellvertreterInnen vielleicht? Das wĂ€re statutarisch jedenfalls am einfachsten gewesen. Frauenministerin Eva-Maria Holzleitner winkte gleich einmal ab â sie stehe nicht zur VerfĂŒgung, lieĂ sie wissen. Ăber Doris Bures wurde im Vorfeld spekuliert â nur die Grande Dame der Sozialdemokratie hatte auch keine besondere Lust. Immerhin könnte sie eine mögliche Kandidatin fĂŒr die BundesprĂ€sidentschaft sein â wer will sich da schon mit einem SPĂ-Vorsitz anpatzen, der offenbar eher Schleudersitz als Traumjob ist.
Zeiler keine echte Option
Das sieht nur einer anders: Gerhard Zeiler, der die ganze Chose losgetreten hat. Der 71-jĂ€hrige Manager hat in einem Anflug von Tatendrang beschlossen, er könne das nicht mehr mitansehen, was da mit seiner Partei und seinem Land so los sei â und verkĂŒndete öffentlich, sich Bablers Job krallen zu wollen. Mit einem deutlich wirtschaftsliberaleren Kurs als jenem, den die jetzige SPĂ fĂ€hrt. Nach Zeilers ersten Auftritten wurde schnell klar, dass er und seine Vorstellungen in der Partei nicht mehrheitsfĂ€hig sind. Aber seine kleine Flamme der Leidenschaft hat gereicht, um in der Partei ein Lauffeuer samt FlĂ€chenbrand auszulösen. Zeiler war am Sonntag ĂŒbrigens nicht im Land, sondern in New York und beobachtete von dort die Konsequenzen seines VorstoĂes.
Babler kĂ€mpfte dem Vernehmen nach die vergangenen Tage noch mit Verve um sein Ăberleben in dem Job â einfach so aufgeben, das wollte er nicht. Das muss man Babler lassen, kĂ€mpferisch war er schon immer. Nach eindringlichen GesprĂ€chen musste aber auch er einsehen, dass es keinen Zweck mehr hat, um jeden Preis am Sessel zu kleben. Babler hatte schon mit Amtsantritt nur bedingt RĂŒckhalt in der Partei. Das zeigt sich etwa mit Blick auf das PrĂ€sidium: Das war traditionell die Runde, in der neben dem Bundeschef auch die mĂ€chtigen Landesorganisationen ihren Platz hatten. Ein Blick heute zeigt: Von den neun Landesparteichefs sitzen derzeit nur Daniel Fellner (KĂ€rnten), Mario Leiter (Vorarlberg), Philip Wohlgemuth (Tirol) und Martin Winkler (Oberösterreich) selbst als Babler-Stellvertreter im PrĂ€sidium. Die beiden roten Landeshauptleute Hans Peter Doskozil und Michael Ludwig fehlen ĂŒberhaupt.
Job gesucht
Dementsprechend hatte Babler auĂer seinem engsten Umfeld am Sonntag wenige, die fĂŒr seinen Verbleib votierten. Er wehrte sich am Sonntag in der Besprechung mit HĂ€nden und FĂŒĂen, der Ton wurde dem Vernehmen nach insgesamt auch rauer. Am Ende gab Babler nach â wohl auch aus einem gewissen Pragmatismus, seine persönliche Zukunft betreffend: Seinen Job als BĂŒrgermeister von Traiskirchen kann er nicht zurĂŒckhaben. Sein Nationalratsmandat zahlt ihm vorerst die Miete â aber was kommt nach den nĂ€chsten Wahlen? Babler ist 53 Jahre alt und muss noch ein paar Jahre bis zur Pension arbeiten. Ein Job fĂŒr ihn wird hinter den Kulissen bereits gesucht â wie gut der ausfĂ€llt, hĂ€ngt von seiner Bereitschaft ab, einen reibungslosen Abgang mitzugestalten. Das wurde ihm subkutan bereits recht klar gemacht.Â
Es war spĂ€t, als die SPĂ-Spitze das Hotel im ersten Bezirk verlieĂ, die offiziellen Wortspenden an die wenigen dort noch wartenden Journalisten waren knapp. Eine Zwischenlösung war gefunden, die heiĂt: Babler bekommt zwei âAufpasserâ, um einen ordentlichen Prozess und Ăbergang als Parteispitze einzuleiten. Das sollen Holzleitner und Klubobmann Philip Kucher sein â besonders streng werden sie mit Babler wohl nicht sein, beide zĂ€hlen zu seinen engsten Vertrauten. Es geht wohl eher darum, ihn freundlich hinauszubegleiten. Angepeilter Termin ist JĂ€nner. Babler will Minister bleiben.
Die Vizekanzlerei soll Markus Marterbauer ĂŒbernehmen â schrittweise, sofern es seine Genesung zulĂ€sst auch interimistisch die Partei. Der Finanzminister kĂ€mpft gegen eine Krebserkrankung. Der Rest kommt dann am angepeilten Parteitag â bis dahin hat man sich vor allem eines erkauft: Zeit. Zeit, um herauszufinden, wie es weitergehen soll. Und vielleicht auch, mit wem.Â
Das politische Drama hat mit den Entscheidungen der SPĂ aber erst begonnen â vor allem fĂŒr die Regierung sind sie weitreichend. Babler ist ab dem heutigen Tag eine âLame Duckâ, der parteiintern keine Macht mehr hat, Entscheidungen voranzutreiben. Die Regierung hat der Bevölkerung versprochen, nun Probleme und drĂ€ngende Reformen âaber wirklichâ angehen zu wollen. Die dafĂŒr nötige Schlagkraft ist durch eine Dreierkoalition ohnehin kaum herzustellen. Wenn dann die Vizekanzlerpartei de facto in die innere Emigration geht, ist das kaum machbar.