Es ist Mittwoch, der 3. Juni, 19 Uhr. Sebastian Kurz betritt das Parlament, ein ĂVP-Mitarbeiter sieht ihn, geht zurĂŒck in den Klub â und erwartet, dass sein Kanzler auĂer Dienst dort auftaucht. Aber der hohe Besuch kommt und kommt nicht. Politisches Personal ist mindestens genauso neugierig wie wir Journalisten â also beginnt man herumzufragen, wer denn hier in der ĂVP einen Termin mit Kurz habe. Es stellt sich heraus: Niemand.
Aber was macht Sebastian Kurz denn sonst im Parlament? Und wohin ist er abgebogen? Wen trifft er? Ein anderer Parlamentsmitarbeiter konnte den neugierigen Schwarzen helfen. Man habe Kurz in das BĂŒro Kickls gehen sehen â ganze zwei Stunden sei er dann dort gewesen.
Was wollte er dort? Was wurde besprochen?
GesprÀchstherapien
âIch kann Ihnen dazu gar nichts sagenâ, heiĂt es aus Kickls BĂŒro auf profil-Anfrage. Man wolle das nicht kommentieren. Kickl kommentierte es dann aber doch, und zwar in einer Klubsitzung, damit die Abgeordneten es nicht aus den Medien erfahren, erfuhr profil. Na gut, jetzt erfahren die Medien es von den Abgeordneten.
Die Auflösung der Koalition 2019 soll Hauptthema des GesprĂ€chs gewesen sein. Kurz habe seine GrĂŒnde dargelegt, warum er damals so agiert hat. Und er soll eingestanden haben, damals eine falsche Entscheidung aufgrund falscher Annahmen getroffen zu haben â sagt Kickl. Echt? Ein SchuldeingestĂ€ndnis? Von Sebastian Kurz? Das passt nicht wirklich zu ihm. Das war damals nĂ€mlich so: Im FrĂŒhsommer 2019 erschĂŒtterte der Skandal um das Ibiza-Video Ăsterreich und vor allem die tĂŒrkis-blaue Koalition. Es war schnell klar: Der Protagonist des Films, FPĂ-Chef Heinz-Christian Strache, muss weg. Und sein Adlatus, Klubobmann Johann Gudenus, gleich mit ihm.
Die FPĂ hoffte, dass die Sache damit bereinigt sein wĂŒrde; dass die ĂVP dann bereit wĂ€re, weiter mit ihr zu regieren. Es soll auch eine derartige Vereinbarung mit den TĂŒrkisen gegeben haben â das ist zumindest das, was das Kickl-Lager bis heute behauptet.
Aber dann machte Sebastian Kurz einen taktischen Schachzug, mit dem die FPĂ nicht gerechnet hatte. Er schlug dem BundesprĂ€sidenten die Entlassung von Innenminister Herbert Kickl vor. Kickl sei zu nahe an Strache â man könne so keine lĂŒckenlose AufklĂ€rung gewĂ€hrleisten, die sich das Land aber verdient habe, argumentierte er offiziell.
Falsches Spiel
Inoffiziell war das nichts anderes als eine kontrollierte Sprengung der Regierung. Kurz wusste: Die FPĂ lag nach dem Ibiza-Skandal umfragemĂ€Ăig am Boden. Und er wusste: Wenn er rasch Neuwahlen anzetteln könnte, wĂŒrden viele dieser Stimmen an ihn gehen. Sein Plan ging auf (2017: 31,4%; 2019: 37,5%).
Herbert Kickl sah als gefinkelter Parteistratege, was da gespielt wurde. Er entwickelte einen regelrechten Hass auf die ĂVP und speziell auf Kurz: Dem gab er persönlich die Schuld, ihm seinen Traumjob geraubt zu haben. Kickl war glĂŒcklich gewesen: Als Innenminister konnte er die Kernthemen der FPĂ â Asyl, Migration â reiten. Polizeipferde auch. Das Haus in der Herrengasse war ihm viel wert, darum gab er sich mit der Innengestaltung besondere MĂŒhe: blaue VorhĂ€nge, blaue Teppiche, blau beleuchtete WĂ€nde. Und dann musste er plötzlich ausziehen.
Interessanterweise ist Kickls Hass auf die ĂVP zwar geblieben, aber nicht auf Kurz. In einem âKroneâ-Interview sagte Kickl im Februar, dass er schon lĂ€nger wieder DrĂ€hte zum Umfeld von Kurz habe. An anderer Stelle sagte er, dass er âvertrauensbildende MaĂnahmenâ fĂŒr eine kĂŒnftige Regierungsbildung setze â und dass das tĂŒrkise Lager fĂŒr ihn einer dieser GesprĂ€chspartner sei. (Könnte auch sein, dass er die schwarze ĂVP damit nur Ă€rgern will.)
Kickl sagte auch, dass er nach den Landtagswahlen im Jahr 2028 mit vorgezogenen Wahlen rechne. Dass man sich darauf schon intensiv vorbereite â und an dem sogenannten âPhönixplanâ arbeite. Ich habe vor ein paar Wochen einmal gefragt, was denn nun mit dem Plan sei. Die Erstellung dauere noch, sagte man mir. Wir halten fest: Offenbar schreibt Kickl seine Programme zumindest nicht mit ChatGPT.
ZukunftsplÀne
Aber was war das Treffen mit Kurz sonst noch? War es wirklich nur fortgesetzte GesprĂ€chstherapie zur VergangenheitsbewĂ€ltigung, wie Kickl seinen Leuten verklickert? Oder hat man doch auch gemeinsam in die Zukunft geblickt und PlĂ€ne gewĂ€lzt? Ist es nur Zufall, dass wenige Tage nach dem Treffen ein blauer Mitarbeiter an einen pinken herantrat und vorsichtig vorfĂŒhlte, welche Bedingungen man denn fĂŒr eine Mehrheitsbeschaffung habe? Und mit wem man denn da einmal vertraulich reden könne?
GerĂŒchte um Sebastian Kurz verbreiten sich in dieser Stadt immer wie ein Lauffeuer. Die These mancher geht so: Sebastian Kurz könnte sich fĂŒr das Amt des BundesprĂ€sidenten interessieren â und mit Kickl ĂŒber dessen mögliche nĂ€chste Kanzlerschaft gesprochen haben. Klingt irgendwie absurd, aber irgendwie dann auch wieder nicht, wenn man es weiterdenkt.
Klar ist: Kurz ist jetzt zwar offiziell Unternehmer, aber seine favorisierte Spielwiese ist das nicht. Er sagt selbst von sich, ein âpolitical animalâ zu sein. Er veranstaltet Gipfeltreffen in Tirol mit hochrangigen Vertretern aus Wirtschaft und Politik. Er grĂŒndet einen Thinktank, der international sein soll und im Herbst seine Arbeit aufnehmen soll. Solche Konstrukte sind oft klassische Vorbereitungsarbeit fĂŒr ein Politcomeback. Aber als was? Mit wem? Der ĂVP, oder einer eigenen âBewegungâ?
Irgendetwas ist im Busch, auch wenn im Umfeld von Kurz kalmiert und milde lĂ€chelnd von wilden GerĂŒchten gesprochen wird â so wie das immer ist, bevor etwas aufschlĂ€gt.
Im BĂŒro von Kurz wollte man das Treffen mit Kickl ĂŒbrigens nicht bestĂ€tigen und fĂŒgte hinzu, dass man jedwede Treffen prinzipiell nicht bestĂ€tige. Aber man könne sagen, dass Kurz regelmĂ€Ăig Politiker und ehemalige Politiker trifft. Zum Austausch. Wir Journalisten verstehen so etwas als BestĂ€tigung.
Apropos: Schon bald soll es News zu seinem Unternehmen geben, hört man rascheln. Angeblich ist es wichtig.
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Apropos: Heute erscheint eine neue Folge unseres Investigativpodcasts âNicht zu fassenâ â der ORF. Wir reflektieren die Wahl, was hinter den Kulissen passiert ist â und wer es sich wie gerichtet hat, oder es sich noch richten wird. Es ist wirklich nicht zu fassen! Abonnieren Sie gerne unseren Kanal!